Prof. Dr. Beate Kellner - LMU München

Laufende und abgeschlossene Forschungsprojekte

DFG Forschergruppe 1986: "Natur in politischen Ordnungsentwürfen: Antike - Mittelalter - Frühe Neuzeit"
(http://www.for1986.uni-muenchen.de/index.html)

seit 01.10.2016

TP 3:  'Natura' als kosmische und politische Ordnungsinstanz bei Alanus ab Insulis und in der lateinischen sowie volkssprachlichen Rezeption

Projektleiter: Prof. Dr. Beate Kellner, Prof. Dr. Frank Bezner
Mitarbeiter: Magdalena Butz, Alexandra Urban

Ziel des Projekts ist erstens, die Konstruktion und Funktion der 'Natura' als zentraler diskursiver und politisch-gesellschaftlicher Ordnungsinstanz in den poetischen Texten des Alanus ab Insulis (Alain de Lille) neu zu untersuchen und erstmals auf die ihr innewohnende Komplexität als philosophisch überformte, politisierte und literarisch konstruierte Größe transparent zu machen. Die Funktion Naturas im Rahmen einer kosmischen Ordnung, deren Verfall sie im Planctusbeklagt und im Anticlaudian neu konstituiert, ist eng mit einem philosophisch-theologischen Modell verbunden, dessen eminent politische Dimension sich in beiden Werken in einer bislang nicht aufgearbeiteten politischen Bildsprache und Metaphorik niederschlägt. De planctu Naturae und Anticlaudian sollen im Projekt von daher in einem innovativen diskursgeschichtlichen Ansatz analysiert werden, der (a) die Verbindungen der beiden Werke zur zeitgenössischen Naturphilosophie im Umkreis der sog. 'Renaissance des 12. Jahrhunderts' neu beleuchtet; (b) erstmals die zeitgenössischen klerikalen literarischen und nicht-literarischen Diskurse über Liebe, Sexualität und Begehren als wichtigen Referenzraum aufweist; sowie (c) die in der bisherigen Forschung noch bei weitem zu wenig beachtete poetische Machart der Texte literaturwissenschaftlich untersucht. Zusammengenommen soll über die Verbindung dieser Perspektiven eine präzisere wissens- und literaturgeschichtliche Einordnung und damit Neupositionierung des Alanschen Werks und seines Naturkonzepts auch in seinen politischen Dimensionen erreicht werden. Vor diesem Hintergrund gilt es zweitens, sowohl die lateinische wie vor allem auch die deutschsprachige Rezeption der in ihrer Wirkung kaum zu überschätzenden poetischen Texte Alans neu zu betrachten. Dabei soll es weniger um das Nachzeichnen quellengeschichtlicher und traditionsgeschichtlicher Bezüge gehen, worauf in der älteren Forschung ein wichtiger Akzent lag, sondern vor allem um Fragen der konzeptuellen Verlagerungen, welche die Natura Alans und ihre politischen Dimensionen einerseits im gelehrt-lateinischen Bereich erfährt und andererseits in der deutschen Volkssprache.

 

01.10.2013-30.09.2016

TP 4: Herrschernatur(en). Verkörperungen von Herrschaft im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit.

Projektleiter: Prof. Dr. Beate Kellner, Prof. Dr. Ulrich Pfisterer
Mitarbeiter: Alexander Kagerer, M.A.
Herrschaft – sei sie diejenige eines Königs, eines Adeligen, eines selbsternannten Machthabers oder aber ihrer weiblichen Pendants – wird in den historiographischen, politischen, philosophischen, theologischen und literarischen Diskursen wie in den Inszenierungen und Visualisierungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit ganz wesentlich über die Natur(en) des Herrschers bzw. der Herrscherin selbst demonstriert und legitimiert. Mithin trifft die Leitfrage des Teilprojekts nach den Herrschernatur(en), verstanden als Abstammung, Geblüt, Temperament, Gesundheitszustand, körperliche Gestalt, Wesen, Habitus oder gender-spezifische Proprietäten wie Zeugungskraft und Jungfräulichkeit, in das Zentrum des Verständnisses, der Legitimierung und Darstellung von Herrschaft und Macht in Mittelalter und Früher Neuzeit. Ziel des Projekts ist es, ausgehend von der Frage nach den Repräsentationsformen von Herrschernatur(en) in ihrer gesamten medialen Vielfalt die komplexen Problemebenen, Relationen, Überlagerungen, aber auch Spannungen und Diskrepanzen zwischen den Konzepten und Legitimierungsmustern von Herrschaft im Übergang vom Spätmittelalter zur Früher Neuzeit zu diskutieren. Das Teilprojekt umfasst dabei zwei komplementär konzipierte Arbeitsbereiche, für deren Ausgangsperspektiven die Begriffe body politic – überindividueller, unsterblicher (Ideal-)Körper – und body natural – der individuelle Körper in allen seinen Kontingenzen – vorerst eine heuristische Annäherung bieten können. Die Arbeitsbereiche sind zudem geographisch und politisch insofern komplementär, als sie einerseits die norditalienischen Fürstentümer der zweiten Hälfte des 15. und des 16. Jahrhunderts, andererseits den in engstem Austausch mit diesen Fürstentümern stehenden Habsburgerhof Kaiser Maximilians I. in den Blick nehmen. In beiden Arbeitsbereichen spielen Text- und Bildmedien eine gleichermaßen entscheidende Rolle.

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DFG-Projekt: "Fischart im Kontext"

1.9.2004-31.8.2006 (TU Dresden), 1.8.2007-31.8.2007 (TU Dresden), 1.3.2008-31.7.2009 (Universität Zürich)

Das Projekt ging der Leitfrage, wie literarische Texte ins kulturelle Archiv ihrer Zeit eingebunden sind, an enzyklopädisch-parodistischen Texten der Literatur des 16. Jahrhunderts als einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher, epistemischer und medialer Umbrüche nach. Unter literaturwissenschaftlicher Perspektive zielte das Projekt auf die spezifisch literarischen Verfahren der Transformation gelehrter Diskurse und deren literarische Inszenierung. Da Text-Kontext-Interferenzen in außerordentlicher Dichte in Johann Fischarts Geschichtklitterung programmatisch werden, lag das Schwergewicht der Analysen auf diesem in der Forschung bis dahin weitgehend vernachlässigten zentralen Text, dessen Vorlage, François Rabelais’ Gargantua, in komparatistischen Analysen berücksichtigt wurde. Das Projekt konzentrierte sich unter wissens- und kulturanthropologischer Perspektive auf für das 16. Jahrhundert fraglos bedeutsame und für Fischart wie Rabelais zentrale Diskurse: In der ersten Antragsphase wurden vorrangig Affekttheorien, Humanismus und Sprachdiskurse untersucht. Mit Sprachreflexionen und medizinischem Wissen traten in der Fortsetzungsphase wichtige neue affine Materialfelder hinzu. Zugleich wurden die Analysen auf das weite Feld der für Geschichtklitterung und Gargantua konstitutiven literarischen Traditionen ausgedehnt.

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SPP1173: "Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter"

Teilprojekt: "Aneignung und Abwehr des Heidnischen in der volkssprachigen deutschen Literatur des Mittelalters"

Betreuerin: Prof. Dr. Beate Kellner
Bearbeiterin: Dr. Julia Zimmermann

Das Projekt „Aneignung und Abwehr des Heidnischen in der volkssprachlichen deutschen Literatur des Mittelalters“ wird sich auch in der Fortsetzungsphase den Fragen nach der Integration und Desintegration von Kulturen im mittelalterlichen Europa aus literaturwissenschaftlicher Perspektive zuwenden. Zugrunde liegt dabei die Annahme, dass die Literatur geradezu prädestiniert dafür ist, verschiedenste Konstellationen der Begegnung von Kulturen, von Eigenem und Fremdem durchzuspielen, weil sie stärker als andere Redeordnungen (etwa die Historiographie oder das Recht) von einer unmittelbaren Wirklichkeitsreferenz entlastet ist. Auf der Ebene literarischer Sinnsysteme können utopische Potentiale ebenso ausgelotet werden wie Szenarien des Konflikts auf die Spitze getrieben. In der Projektarbeit sollen jene Spielräume und Möglichkeiten der Darstellung fremder Kulturen in der Literatur untersucht werden, wobei die Frage leitend ist, wie die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der eigenen Kultur die literarischen Inszenierungen des Fremden bestimmen.

Die konkrete Projektarbeit konzentriert sich dabei auf die in der deutschsprachigen Literatur des Hoch- und Spätmittelalters prominenten Prozesse der Integration und Desintegration zwischen dem Christlichen und dem Heidnischen. In der mittelhochdeutschen Literatur werden nicht nur eine Fülle von Begegnungen zwischen der westlichen und der östlichen Kultur thematisiert, sondern es zeigen sich über Verschränkungen zwischen Eigenem und Fremdem vielfach auch komplexe Interferenzen des Heidnischen, Christlichen, Höfischen und Unhöfischen, Religiösen und Profanen und immer wieder auch des Mythischen.

Im Fokus der Projektarbeiten steht daher gerade nicht die dem Mittelalter häufig unterstellte Unversöhnlichkeit von Weltbildern und Religionen, sondern stehen jene literarischen Entwürfe, in denen das Widersprüchliche und prima vista Unvereinbare in komplexen poetischen Verfahren durch die Überblendung verschiedener Semantiken und Strukturen zusammengeführt werden. Indem das Projekt den Kulturbegriff damit auf – das mittelalterliche Europa bestimmende – Religionen respektive religiöse Haltungen bezieht, verspricht es zugleich, unter historischen und systematischen Aspekten Aufschlüsse über Konstellationen zu gewinnen, die bis heute für und in Europa prägend sind. Im Fokus der Projektarbeiten wird auch in der geplanten zweiten Phase das Ensemble von Texten stehen, das sich mit den Stichworten ‚Wolfram und Wolfram-Tradition? umreißen lässt.

Wenn sich das Projekt auf die literarischen Formen der Wahrnehmung und Deutung des Heidnischen konzentriert, auf Prozesse der Integration und Desintegration zwischen dem Christlichen und dem Heidnischen in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, so hebt es sich mit den beschriebenen Problemstellungen von einer Stoff-, Quellen- und Motivgeschichte ab: Es geht mithin nicht darum, etwa Materialien zum ‚Bild des Heiden? in der Literatur zusammenzustellen oder den Versuch zu unternehmen, die literarischen Darstellungen durch quellen- und stoffgeschichtliche Analysen zu erklären. Mit dem skizzierten Ansatz führt das Forschungsvorhaben vielmehr folgende Zielstellungen, Leitfragen und Erkenntnisinteressen zusammen: In historischer und wissensgeschichtlicher Hinsicht verspricht es, durch die Analyse von Darstellungen des Heidnischen, von Begegnungen zwischen Heiden und Christen, von Überlagerungen und Interferenzen des Heidnischen und Christlichen in der Literatur Aufschlüsse über kulturelle Muster der Wahrnehmung und Deutung des Fremden im hohen und späten Mittelalter zu gewinnen. Dies gilt umso mehr, als auch theologische oder historiographische Diskurse vergleichend herangezogen werden. In literaturwissenschaftlicher Perspektive wird über die Analyse der literarischen Verfahren zur Darstellung des Fremden zugleich auch die spezifische Literarizität der untersuchten Texte erhellt. Hier ist nach der jeweiligen ästhetischen Gestalt der Inszenierungen des Fremden, Heidnischen und Mythischen zu fragen, u.a. nach der Rhetorik, den Gattungs- und Erzählmustern sowie den Erzählperspektiven und Erzählverfahren.